Kinder wachsen mit körperlicher Nähe auf – etwas, was jeder Mensch benötigt und was einem eigentlich immer gut tut. Leider gibt es aber Erwachsene – sehr häufig aus dem familiären Umfeld – die das Vertrauen der Kinder missbrauchen. Gerade in diesem sozialen Umfeld ist den Kindern oft nicht klar, wo die Grenzen zwischen Zärtlichkeit und Missbrauch sind. Dabei entstehen bei den Kids die sogenannten Ja- und Nein-Gefühle, die sich widersprechen und die Kinder zum Verstummen bringen. Das theaterpädagogische Projekt Mein Körper gehört mir ermutigt die Mädchen und Jungen deshalb seit über 30 Jahren, ihren Nein-Gefühlen uneingeschränkt zu vertrauen, anderen davon zu erzählen und sich Hilfe zu holen.
Was steckt nun hinter dem theaterpädagogische Konzept? Die TPW (Theaterpädagogische Werkstatt) schickt dreimal für jeweils eine Schulstunde ein Team zur Schule. Teilnehmen können die 3. und 4. Jahrgänge, deshalb findet bei uns die Veranstaltung immer alle zwei Jahre statt. Die Schüler*innen lernen das Team der TPW zuerst einmal als reale Personen kennen. In einer klaren und kindgerechten Sprache werden die Schüler*innen an ernste Themen herangeführt. Zu Beginn jeder Stunde sorgt der Körpersong für gute Laune, jede Woche kommt eine neue Strophe dazu. Bei dem Projekt Mein Körper gehört mir handelt es sich nicht um ein Theaterstück oder eine Show, nein, verschiedene Spielszenen werden vorgeführt, immer wieder unterbrochen und mit den Kids besprochen, sodass ein Dialog entsteht. Dabei wird oft über Gefühle gesprochen und über Möglichkeiten, was man in einer Situation anders machen könnte. Die Schüler*innen müssen also mitfühlen, mitreden, mitdenken und verinnerlichen so die verschiedenen Geschichten mit ihren Botschaften langfristig. Das ist das Ziel! Im Sachunterricht wird dann im Nachgang noch einmal über alles gesprochen und offene Fragen werden geklärt. Dafür haben wir auch die Lehrermaterialien bereitstehen.
Unser Ziel: Wissen macht stark!
Kinder, die wissen, wie sie sich in unsicheren Situationen verhalten können, gehen gestärkt durchs Leben. Mit Mein Körper gehört mir werden deshalb ganz praktische Strategien an die Schüler*innen vermittelt. Die eindeutige Botschaft an die Kinder lautet: Was kannst du tun, wenn jemand deine körperlichen Grenzen überschreitet? Wie bekommst du Hilfe bei sexualisierter Gewalt? Wenn du ein Nein-Gefühl hast, geh zu jemandem und erzähl ihm davon! (z.B. zu deinen Eltern, deiner Lehrerin/deinem Lehrer, deinen Großeltern). Deshalb nehmen die Kinder am Ende nicht nur Gefühle und Geschichten mit nach Hause, sondern auch eine Telefonnummer, unter der sie Menschen erreichen, die ihnen weiterhelfen können.
1. Termin
Zu Beginn stellte sich am 09.03.2026 das Team erst einmal den Klassen vor. In diesem Jahr sind Katharina, Angelo und die Gitarre Claudia vor Ort an der Wilhelmschule. Danach ging es damit weiter, worum es heute geht und der Körpersong wurde mit der 1. Strophe eingeführt. Im Unterrichtsgespräch war dann Thema, dass der Inhalt des Liedes wirklich stimmt, denn jedem gehört sein Körper selbst. Wenn man berührt wird, sagt uns unser Körper, ob man ein Ja-Gefühl oder ein Nein-Gefühl hat, d.h., ob man eine Berührung mag oder nicht mag. Dabei ist es durchaus möglich, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Gefühle haben. Nun überlegten unsere Kids, was bei ihnen ein Ja-Gefühl auslöst. In der Klasse 4b kamen folgende Antworten dazu:
- wenn mich meine Freundin umarmt
- wenn ich keine Hausaufgaben aufbekomme
- beim Essen
- wenn ich ausschlafen kann
- beim Malen
- wenn ich mit meinem Kater kuschle
- beim Fußballspielen
- wenn ich im Pool plantsche
Und was löste bei unseren Schülerinnen und Schülern ein Nein-Gefühl aus?
- wenn Borussia Dortmund ein Fußballspiel gewinnt
- wenn ich beleidigt werde
- wenn andere Kinder sich streiten oder sogar schlagen
- wenn ich genervt werde
- wenn ich ausgelacht werde
- wenn meine kleine Cousine so laut heult und nicht aufhört
- wenn mein kleiner Bruder einen Streit anfängt, ich aber bestraft werde





„Oh! Oh! Yeah, mein Gefühl ist echt. Oh! Yeah, mein Gefühl hat immer recht! Egal ob laut oder leise, ich sage zu dir: Mein Körper gehört mir!“ (Refrain)
„Das ist mein Körper, ich bin mein eig’ner Star! Spür‘ ich meine Grenzen, sag‘ ich NEIN! Alles Klar?“ (1. Strophe)
Geschichte 1
Ein Mädchen hat einen Massageroller geschenkt bekommt und möchte ihn beim Freund ausprobieren. Der findet das anfangs ganz toll und genießt die Massage. Das ändert sich aber, als das Mädchen ihn ganz schnell 100mal massieren will. Das schmerzt und ist unangenehm. Aus einem Ja-Gefühl wird bei dem Jungen ein Nein-Gefühl. Der Junge wird wütend und das Mädchen versteht die Reaktion gar nicht.
Im Unterrichtsgespräch wurde die Situation dann mit der Klasse thematisiert, gemeinsam wurde überlegt, was anders laufen sollte und die Szene wurde neu gespielt. Nun sagte der Junge laut „Nein!“, als es unangenehm für ihn wurde und im gemeinsamen Gespräch zwischen den beiden konnte das Problem gelöst werden. Das Mädchen rollte am Ende 100mal vorsichtig über den Rücken des Jungen und beide waren zufrieden.


Geschichte 2
Im Bus sitzt ein Mädchen und liest ein Buch. Ein Jugendlicher steigt ein und setzt sich auf den freien Platz neben das Mädchen. Er schaut sich um, fühlt sich unbeobachtet und legt den Arm um das Mädchen herum. Erst hält das Mädchen das für ein Versehen, merkt dann aber, dass der Jugendliche das absichtlich macht. Es fühlt sich sehr unwohl und weiß nicht, was es machen soll.
Die Klasse 4b hatte die Aufgabe, die Szene genau zu beobachten und aufzuzeigen, wenn sie ein Nein-Gefühl bekommt. Alle erkannten sofort, an welcher Stelle das der Fall war. Was kann man dann machen?
Die Szene wurde erneut gespielt und das Mädchen schrie laut „Nein!“, als der Jugendliche den Arm um sie legte. Dieser stand sofort auf und ging weg. Warum? Das wussten unsere Kids sofort. Weil alle zu ihm hinschauen, wenn das Mädchen laut schreit. Er hat Angst, Ärger zu bekommen und geht sofort weg.



„Nein!!!“

Wann fällt es denn unseren Mädchen und Jungen schwer, „Nein!“ zu sagen?
- bei Jugendlichen
- bei Freunden
- bei Mama und Papa
- bei Geschwistern
- bei den Großeltern
Die o.g. Personen stehen einem oft sehr nahe. Man hat Angst, dass man Ärger bekommt, ein Streit entsteht, nicht mehr geliebt wird. Trotzdem ist es wichtig, ein Nein-Gefühl zu thematisieren, Lösungen gemeinsam zu finden und nicht zu schweigen.
Gemeinsam wurde überlegt, was man alternativ sagen kann, wenn man etwas nicht will. Da hatte die Klasse 4b direkt Ideen:
- Hör auf damit!
- Lass das!
- Lass mich in Ruhe!
- Halt, ich möchte das nicht!
- Geh weg, lass mich in Ruhe!
- Stopp!
Geschichte 3
Ein Junge möchte gerne das Tennisspielen lernen. Der Nachbar Herr Frank schenkt ihm deshalb einen Tennisschläger und will ihm das Tennisspielen beibringen. Er zeigt ihm, wie der Aufschlag geht und berührt den Jungen dabei am Po. Der Junge bekommt ein Nein-Gefühl und will das nicht. Herr Frank versteht nicht, was der Junge plötzlich hat und am Ende gibt der Junge ihm den Schläger zurück, beide sind wütend und enttäuscht. Dann geht der Junge zu seiner Mutter und erzählt ihr alles. Die Mutter lobt ihn für sein Verhalten und verspricht, mit Herrn Frank zu sprechen. Dem Jungen wird am Ende des Gespräches klar, dass es ihm jetzt wieder viel besser geht und es richtig war, mit seiner Mutter darüber zu sprechen.




Im Anschluss an die Szene wurde noch besprochen, welchen Erwachsenen man als Kind vertrauen kann und mit wem man über Nein-Gefühle sprechen kann: Eltern, Großeltern, älteren Geschwistern und nicht zu vergessen Lehrerinnen und Lehrern.
Die erste Stunde endete wie sie begonnen hat mit dem Körpersong. (Go)
2. Termin
Am folgenden Montag, 16.03.26, ging es mit Teil 2 von Mein Körper gehört mir weiter. Zunächst mussten unsere Kids die Inhalte der gesehenen Szenen der letzten Woche wiedergeben, einschließlich Fazit. Damit hatten die Schüler*innen der Klasse 4b kein Problem. Sie konnten sich gut an alle Inhalte erinnern. Hervorgehoben wurde noch einmal, wie wichtig es manchmal sein kann, Aufmerksamkeit in seiner Umgebung zu erzeugen. Das ist gut für die Person, die ein Nein-Gefühl hat und schlecht für die Person, die dieses Nein-Gefühl erzeugt.
Weiter ging es mit dem Körpersong, einschließlich der Erarbeitung der 2. Strophe.
„Fühlst du dich bedrückt? Du siehst traurig aus. Dein Ängste, deine Wut, komm lass alles raus!“



Geschichte 4
Ein Kind spielt mit einem Ball auf dem Schulhof. Der Ball fliegt weg, das Kind holt ihn wieder und beim Werfen des Balles trifft es ein Auto, das am Rand steht. Der Fahrer ruft das Kind zu sich und mit schlechtem Gewissen geht das Kind dorthin. Als es ins Auto schaut, zeigt der Mann ihm seinen Penis. Das Kind ist entsetzt, schreit laut und läuft zurück auf den Schulhof. Dort ruft es laut nach dem Hausmeister Herrn Hansen. Der kommt sofort und das Kind berichtet von dem Vorfall. Herr Hansen erklärt dem Kind, dass der Mann falsch gehandelt hat. Es ist streng verboten, in der Öffentlichkeit seinen Penis zu zeigen. Man nennt so etwas Exhibitionismus und das ist strafbar. Am Ende ruft der Hausmeister die Eltern des Kindes an, damit diese das Kind abholen und zusammen mit ihm zur Polizei fahren, um das Vergehen anzuzeigen.


Anschließend wurde der Begriff sexueller Missbrauch definiert und erklärt.
Wenn man dir als Kind an deinen Penis oder an deine Scheide fasst, ist das sexueller Missbrauch. Wenn dich jemand überredet oder zwingt, einen Penis anzuschauen oder anzufassen, so ist das auch sexueller Missbrauch. Wichtig ist es, sich sofort laut zu wehren, mit jemanden darüber zu sprechen, sich Hilfe zu holen.
Geschichte 5
Ein Kind darf mit Erlaubnis der Eltern – nachdem die Hausaufgaben fertig sind – im Internet ein Spiel spielen und chattet dort dann auch regelmäßig, insbesondere mit einem Spieler namens Retro. Dieser ist laut seiner Auskunft im Alter des Kindes, macht gerne Sport und bekommt bald einen Hund. Das Kind hat sogar einen Vorschlag für den Namen gemacht.
Im heutigen Chat gibt der Junge zu, dass er aber schon 35 Jahre alt ist, aber das Kind so nett findet. Und das mit dem Hund würde auch stimmen, er hätte ihn nun gekauft und er hieße wie vorgeschlagen Festus. Gerne würde er das Mädchen am nächsten Tag im Stadtpark treffen. Das Kind stimmt dem zu, weil es Vertrauen aufgebaut hat. Er beschreibt sich selbst nicht, aber den schwarz-weiß gestreiften Hund hätte er dabei.
Im Stadtpark ist es sehr ruhig, es sind kaum Menschen unterwegs. Der Treffpunkt liegt ziemlich einsam. Retro ist ohne Hund da, erkennt natürlich das Mädchen und die Situation endet böse.


Nun wurden unsere Schüler*innen gefragt, wer Schuld daran hat, dass das Mädchen von Retro sexuell missbraucht wird. Erschreckender Weise sind fast alle Kids der Meinung, dass das Mädchen oder die Eltern des Mädchens daran Schuld haben.
Hier wurde ganz deutlich gemacht, dass es nur eine richtige Antwort auf die Frage gibt. Nur der Mann hat Schuld!! Niemand sonst!! Täterin bzw. Täter sind die Schuldigen, kein anderer!
Für Kinder ist es wichtig zu wissen, dass die meisten Menschen nett sind, aber eben nicht alle. Und man kann nicht sehen, ob jemand nur so tut, als wäre er nett und harmlos, aber in Wirklichkeit ist er gefährlich.
Deshalb gibt es drei Fragen, die man sich stellen muss, um eine Situation besser einschätzen zu können:
- Habe ich gerade ein Ja-Gefühl oder ein Nein-Gefühl?
- Weiß jemand, wo ich bin?
- Bekomme ich Hilfe, wenn ich Hilfe benötige?
Geschichte 6
Und genau darum ging es in der letzten Geschichte in dieser Stunde. Ein Mädchen spielt draußen mit ihrem Jo-Jo. Dabei trifft sie auf einen Mann, der ihr erzählt, er wäre der neue Nachbar. Er berichtet, dass er auch Kinder hätte, die ebenfalls gerne mit dem Jo-Jo spielen. Außerdem wäre für heute eine Montagsdisco bei ihnen geplant. Gerne könne sie mitkommen, um seine Kinder kennenzulernen. Sehr gerne würde das Mädchen das Angebot annehmen, aber erst einmal stellt es sich im Kopf die drei Fragen und kommt zu folgenden Antworten:
- Ich habe ein Ja-Gefühl. 2. Niemand weiß, wo ich dann bin. 3. Ich würde keine Hilfe bekommen, wenn ich sie benötige.
Sie erklärt dem neuen Nachbarn, dass sie nicht einfach mitkommen kann, sondern erst einmal mit ihrem Papa darüber sprechen müsste. Das ist für ihn in Ordnung und er lädt den Vater auch noch ein, man könne ja zusammen zu Mittag essen. Das Mädchen läuft zum Vater hin und erzählt ihm alles. Gemeinsam besuchen sie dann den neuen Nachbarn mit seiner Familie.




Am Ende bekam die Klasse 4b noch ein Poster geschenkt, das nun in der Klasse hängt. Hoffentlich sind die drei Fragen in den Köpfen unserer Kids fest verankert!!! Für eine Wiederholung des Körpersongs reichte die Zeit leider nicht mehr. (Go)



















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